Die Antarktischen

Jörg Schmadtke ist ein Fuchs. Ein Polarfuchs. Während lauwarme Trippeltruppen wie der FC Bayern mit ihren teuren Warmblütern verschnupft dem Tauwetter und Platz 8 entgegenzittern, nehmen die Kaltarbeiter von 96 cool Kurs auf Platz 1 der Rückrundentabelle. Grund: Es ist dem Jörg sein Wetter.

Jahrelang haben wir uns gewundert, warum Schmadtke nicht wie Sportdirektoren anderer steinreicher Topklubs in Italien, Spanien, Zypern oder Brasilien scoutet, sondern die Fellmütze aufsetzt und nach Norwegen fliegt, wo ihmim Tiefkühlschrank Tippeligaen ein Zapfenstreich nach dem anderen gelingt. Doch jetzt, da die nächste Eiszeit in Kontinentaleuropa ein Probetraining absolviert, gehen Schmadtkes eiskalte Rechnung und uns die Augen auf. 96 hat einfach das perfekte Personal für die derzeitige Minuskulisse.

Nach der Winterpause – der Zeit, in der der Winter Pause hatte – holen die Roten mit zwei Toren sieben Punkte, mehr geht nicht. Und als Ron-Robert Zieler das letzte Gegentor kassierte, war Christopher Avevor noch gar nicht geboren, und in Hannover blühte noch der Ginster unter der Aegi-Hochstraße. Noch drei Siege gegen Mainz, Brügge und Stuttgart, und die „Roten“ gehen als „Die Antarktischen“ in die Fußballgeschichte ein. Parallel dazu dürfte Schmadtke den ersten Grönländer für die Bundesliga verpflichten (Käpt’n Iglu).

Im Berliner Gefrierderby war zu sehen, wie routiniert die 96-Kicker mit der Kälte umgehen. Kabine freikratzen, Weg zum Spielfeld freischaufeln, für den Anstoß Loch in das Mitteleis schlagen, und danach so lange in Bewegung bleiben, bis der 96-Schneesturm mit den beiden Frostafrikanern Moa und Mame die kalte Dame Hertha einmal kräftig durchgeschüttelt hat. Fertig. Und irgendwo in Afrika sitzt ein dehydrierter und trauriger Didier Ya Konan auf der Sonnenbank der Elfenbeinküste, guckt Drogba beim Einnetzen zu und sehnt sich nach minus 20 Grad.

Zugleich will Sturmalternative Artur Sobiech zur EM im eigenen Land. Da muss er sich zeigen. Wie in Berlin. Der Mann kann nicht nur eine Rote Karte in acht Minuten Spielzeit wie bei seinem Bundesligadebüt, er kann auch eine Gelbe in einer Minute. Fehlt noch Gelb-Rot in 30 Sekunden und Tribüne direkt von der Bank, dann dürfte 96 das Triple – Unfair-Play-Pokal, Meisterschaft und Europa League – nicht mehr zu nehmen sein. Wenn die Temperaturen mitspielen.

Der Platzwart

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